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Strom: der unterschätzte Wettbewerbsfaktor

von am 24. August, 2026

Zwei Betriebe, vergleichbare Anlagen, ähnliche Auftragslage – doch am Jahresende trennen ihre Stromrechnungen mehrere Tausend Euro. Der Grund für diesen enormen Unterschied liegt unter anderem am Standort und daran, wie Energie eingekauft wird. Für den Mittelstand wird Energie damit zu einem Wettbewerbsfaktor, der durch ein durchdachtes Energiemanagement direkt beeinflusst werden kann.

Für Privathaushalte gibt es längst regionale Strompreisvergleiche. Mittelständische Betriebe tappten in dieser Hinsicht bisher im Dunkeln. Genau diese Lücke schließt nun der Gewerbestrom-Report von Wattline (siehe Kasten), der die Energiedaten von über 26.000 Betrieben aus zwölf Branchen und allen sechzehn Bundesländern ausgewertet hat. Erstmals kann belegt werden, was viele längst ahnten: Wo ein Betrieb steht, entscheidet messbar über seine Stromkosten.

Zwei Befunde stechen aus dem Gewerbestrom-Report heraus: Zum einen hat sich das Preisniveau für Gewerbestrom seit der Energiepreiskrise 2020 etwa verdoppelt.

Zum anderen klaffen die Preisunterschiede für Strom regional weit auseinander: Zwischen dem teuersten und dem günstigsten Bundesland liegen rund 17 Prozentpunkte. Am günstigsten beziehen Betriebe im Saarland ihren Strom, am meisten zahlen Unternehmen in Bayern, Bremen und Schleswig-Holstein.

Reine Energiepreise, klare Regionalmuster

Der Report betrachtet die reine Energiekomponente, also den Beschaffungspreis je Kilowattstunde; Netzentgelte, Steuern und Umlagen sind nicht enthalten. Die regionalen Unterschiede entstehen somit am Markt, nicht an der Steckdose.

Hinter den Schwankungen der Beschaffungspreise am Strommarkt stehen der Wettbewerb der Versorger, die regionale Verfügbarkeit von Wind- und Sonnenstrom und die Beschaffungsstrategie der Lieferanten.

Dieses Muster zieht sich quer durch alle zwölf untersuchten Branchen, vom Bäckerhandwerk über das Kfz-Gewerbe bis zum Gesundheitswesen. Besonders dort, wo viel Strom fließt, zeigt sich das Muster deutlich: im Metallgewerbe und Maschinenbau mit durchschnittlich rund 140.000 Kilowattstunden Verbrauch pro Jahr und Betrieb.

Das Paradoxe: Die regionalen Preisunterschiede folgen nicht dem Verbrauch. Im Gegenteil. Im Metall- und Maschinenbau verbrauchen Berliner Betriebe im Schnitt das Neunfache vergleichbarer Unternehmen in Sachsen-Anhalt.

Beim Strompreis zeigt sich dafür ein inverses Verhältnis: Berlin mit dem höchsten Verbrauch zahlt unterdurchschnittliche Preise, während Sachsen-Anhalt mit deutlich niedrigerem Verbrauch rund 12 Prozent über dem Bundesschnitt liegt.

Der Grund liegt unter anderem in der gewählten Energiebeschaffungsstrategie. Wann ein Vertrag abgeschlossen wurde und welcher Strommix dahintersteht, prägt den Energiepreis oft stärker als die reine verbrauchte Strommenge.

Warum der Verbrauch je nach Standort schwankt

Dass identische Betriebstypen je nach Standort unterschiedlich viel Strom ziehen, hat mehrere Ursachen. Gebäudealter, Dämmstandard und regionales Klima bestimmen, wie viel Energie in Heizung, Kühlung und Beleuchtung fließt. Hinzu kommen Produktionsorganisation, Schichtmodelle und Leerlaufzeiten der Maschinen. Eine moderne Halle mit durchdachtem Lastmanagement kommt spürbar mit weniger aus als ein älterer Standort mit identischem Maschinenpark.

Hier liegt ein unterschätzter Hebel zur Senkung der Energiekosten. Undichte Druckluftnetze, schlecht gewartete Antriebe, ineffiziente Pumpen und Lüfter treiben den spezifischen Verbrauch oft unbemerkt nach oben. Wartungszustand und Prozessorganisation können zwischen zwei sonst gleichen Betrieben 10 bis 20 Prozent Unterschied bei den Stromkosten pro produziertem Stück ausmachen. Wer diese Energieverluste schließt, senkt direkt die einzukaufende Strommenge.

Energiekosten systematisch senken

Betriebe können zum einen ihren Verbrauch reduzieren und zum anderen ihre Energiebeschaffung optimieren. Oft lohnt sich beides parallel, wobei die schnellsten Gewinne oft auf der Verbrauchsseite liegen, ohne dass neue Verträge nötig sind.

Der erste Schritt zur Senkung der Energiekosten ist Transparenz. Kontinuierliches Energiemonitoring macht Lastspitzen und Dauerverbraucher wie Druckluft, Kälte oder Ofenlinien überhaupt erst sichtbar.

In der Praxis lohnt es sich, zuerst den Lastgang zu messen und dann die größten Verbraucher zu optimieren bzw. Druckluftleckagen aufzuspüren. Dies sind Maßnahmen, die sofort wirken und keinen neuen Liefervertrag brauchen.

Beschaffung und Marktmacht nutzen

Der größere Hebel auf der Preisseite liegt allerdings beim Energiemanagement. Wer den Vertrag mit Blick auf den Markt und zum richtigen Zeitpunkt abschließt, etwa über gestaffelte Tranchen statt einer Last-Minute-Verlängerung, sichert sich einen langfristigen Preisvorteil.

Parallel kann Strom aus eigener Erzeugung die zugekaufte Strommenge senken. Photovoltaik auf Dach- und Freiflächen deckt einen Teil des Tagesbedarfs vor Ort. An Standorten mit gleichzeitigem Strom- und Wärmebedarf nutzt eine Kraft-Wärme-Kopplung den Brennstoff gleich doppelt.

Gerade kleineren Betrieben fehlen oft die Mittel für größere Investitionen. Hier setzen Einkaufsgemeinschaften an: Sie bündeln die Mengen vieler Unternehmen und verschaffen so auch dem Mittelstand Zugang zu besseren Konditionen für Gewerbestrom, wie sie sonst nur Großabnehmer erhalten.

Fazit

Der Standort eines Betriebes prägt seinen Strompreis oftmals stärker als die verbrauchte Strommenge, doch beides ist gestaltbar. Wer den Lastgang kennt, Verluste in der Instandhaltung schließt und die Energiebeschaffung aktiv steuert, senkt einen Kostenblock, der lange als unveränderbar galt.

Autor: Philip Gutschke stellvertretender Geschäftsführer der Wattline GmbH

Links:

www.wattline.de/gewerbestrom-report/

Der Gewerbestrom-Report von Wattline, der zum Download kostenfrei bereit steht, liefert eine umfassende Datenbasis zu Strompreisen und -verbrauch im deutschen Mittelstand. Ausgewertet wurden die anonymisierten Energiedaten von über 26.000 Betrieben aus zwölf Branchen und allen sechzehn Bundesländern. Betrachtet wird ausschließlich die reine Energiekomponente, also der Beschaffungspreis je Kilowattstunde – Netzentgelte, Steuern und Umlagen bleiben außen vor. Bild: Wattline

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